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  Fanatiker  
 

Zitat aus Infolink-Forum:
Von THEOLOGE FRANK am Freitag, den 11. April, 2003 - 13:16:


Dem Fanatiker Unbehagen bereiten

Wie bereits in einem früheren Beitrag von mir erläutert wurde, ist es nicht möglich, Ideologien zu beweisen oder zu widerlegen. Wenn beispielsweise ein Fanatiker seine Religion für die einzig richtige hält und daraus die Legitimation ableitet, andere umzubringen, weil sie eine andere oder gar keine Religion haben, kann man dem freilich nichts entgegensetzen, denn die Widerlegung seines menschenverachtenden Verhaltens setzt eine gemeinsame Gesprächsbasis voraus. Diese existiert aber nicht, weil ja zwei verschiedene conträre Ideologien miteinander in Konflikt geraten, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Auf dieser Grundlage ist somit kein Gespräch möglich. Man kann aber dem Fanatiker Unbehagen bereiten, indem man das Verallgemeinerungsprinzip anwendet. Wie dies funktioniert, wird im folgenden gezeigt. Geführt wird ein Dialog zwischen dem Theologen und Philosophen Pierre Bayle (18.11.1647 – 28.12.1706) und einem Fanatiker:


Ein Verallgemeinerungsargument

Wie sähe die Welt aus, fragt der Aufklärer den Fanatiker, wenn alle Welt sich so benehmen würde, wie du? Du sagst, du hast die Wahrheit, und deshalb mußt du Andersdenkende umbringen. Du benützt also das Axiom: Wer die Wahrheit hat, muß sie durchsetzen, auch mit Gewalt. Was wird geschehen, wenn die anderen dieses Axiom von dir übernehmen?

Wenn Gott wirklich den Anhängern der Wahrheit befohlen haben sollte, die Anhänger des Irrtums zu verfolgen, so werden letztere, sobald sie dieses Gebot aufgenommen haben, sich ihrerseits verpflichtet fühlen, die Anhänger der Wahrheit zu verfolgen, ja sie würden sich verfehlen, wenn sie es nicht täten,
wendet Bayle ein, und weiter:
Wenn jene, die die Wahrheit auf ihrer Seite haben, zu Recht gegen die anderen Religionen Gewalt einsetzen dürften, dann hat man hier ein Recht vorliegen, auf das sich jede Sekte berufen könnte, und dessen sich jede [...] andere bedienen würde (Commentaire III.26)

Zwar erreicht man den Fanatiker damit nicht, denn er hat die Wahrheit, und die anderen haben sie nicht. Daß Leute von einem wahren Grundsatz falschen Gebrauch machen, hat nichts zu bedeuten. Und daß dabei Chaos und Mord entstehen, ist nicht verwunderlich. Trotzdem ist Bayles Einwand dem Fanatiker sicher nicht besonderes angenehm und wird von ihm zumindest als gefährlich eingeschätzt.

Der Kritiker braucht gar nicht zu bestreiten, daß es vielleicht wirklich eine wahre Religion gibt, der dann selbstverständlich ein Sonderstatus zukäme. Er argumentiert nur mit der faktischen Unentscheidbarkeit der Frage, wer diese wahre Religion besitzt, und weist darauf hin, daß sich faktisch einfach die Macht durchsetzen wird. Nach Maßgabe der Machtverhältnisse würde jede Sekte jede andere verfolgen, wobei jede das göttliche Gebot auf ihrer Seite zu finden meint:

Man sieht, daß dies bloß eine verschämtere Version ist zu sagen: Die Gründe des Stärksten sind immer die besten; ich habe Recht, denn ich bin der Löwe. Dies heißt, die Menschen auf eine lächerliche Kontroverse zu beschränken, in der sie sich gegenseitig sagen: Du bist starrsinnig, denn ich besitze die Wahrheit (ebd. II.1.)

Daß damit die tatsächlichen Verhältnisse richtig wiedergegeben werden, wird der Fanatiker aber nicht bestreiten. Trotzdem gibt es nur eine Wahrheit, und er hat sie.

Das Hauptsache-Argument
[Argument ad nauseam, ad nauseam = „bis zum Überdruss“]


Das skeptische Argument wird gerne noch in einer anderen Variante vorgetragen, als Aufforderung, sich auf das Wesentliche, auf die Hauptsache, zu konzentrieren und Haarspaltereien beiseite zu lassen. Es ist ein Argument ad nauseam. Warum Menschen, die sich um ein anständiges Leben bemühen, nur deshalb verfolgen, weil sie abweichende theologische Ansichten haben? Ist nicht die Nächstenliebe und überhaupt das Bemühen um ein anständiges Leben das Wichtigste an der christlichen Religion? Aber kein Dogmatiker kann ein solches Argument akzeptieren, und Bezelius [wahrscheinlich ist hier Theodor v. Beza gemeint] beispielsweise antwortet auf Vorhaltungen Castellions:

Für euch besteht also die christliche Religion in einem unschuldigen Leben [...], in einer Verpflichtung der Menschen gegeneinander [...] Das erste und Wichtigste, nämliche den Dienst Gottes, erwähnt ihr manchmal überhaupt nicht [...], und manchmal laßt ihr ihn in einer Erkenntnis von Gott bestehen, wie sie sogar die Teufel haben [..]
Ihr wollt, daß jeder, der mit den Juden oder Türken sagen kann, er glaube an Gott [...], und sein Leben entsprechend ordnet [...], mit diesem Unschuldsmantel jeden Irrtum zudecken dürfe und sei es der seltsamste und monströseste. Was aber die anderen Dinge betrifft, d.h., die ganz Doktrin des Evangeliums, dürfe er es damit halten und darüber schreiben und lehren, wie es ihm seine Phantasie eingibt [...]
Ihr sagt selbst, daß ein Verständnis der Trinität unnütz sei: Das läuft doch darauf hinaus, daß von der ganzen christlichen Religion überhaupt nicht übrigbleibt. (Bezelius, S. 59-60 und 76)*

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*Quelle: Hubert Schleichert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren – Anleitung zum subversiven Denken, Verlag C.H. Beck, 2. Aufl. 1999, S. 90-92.

Frank

 
 
 
  Zitat aus Infolink-Forum:
Von Hans am Montag, den 14. April, 2003 - 07:43:



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Ideologien sind anscheinend für all diejenigen da, die es nicht schaffen, ihr Leben so einzurichten, wie sie es brauchen, wie es für sie passend ist. Fast jede Ideologie bringt offent oder verdeckt zum Ausdruck: "Die Welt ist so, wie sie ist, nicht richtig. Wir, die Anhänger der Ideologie, müssen dafür kämpfen, daß die Welt in der Zukunft so sein wird, wie wir es wollen. ... Dann erst läßt es sich gut leben.
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Die Quintessenz: Es mag vielleicht manche Ideologie partiell richtige Inhalte oder auch Wahrheiten enthalten, in ihrer Totalität aber ist jede Ideologie pauschal und insofern für das Individuum ungünstig, weil sie nicht auf die persönliche Wirklichkeit des Betreffenden zugeschnitten ist. Daher heißt es, sich von dem Kampf zu distanzieren, der nur Verlust an Lebenszeit und Lebensqualität zur Folge hat; denn Ideologien machen nicht glücklich.

Und wer unbedingt für die Menschenheit etwas tun will, kann zuerst bei sich selbst beginnen. Wer die Lebensqualität auch nur eines einzigen Wesens - und sei es die eigene -verbessert, hat damit mehr Humanität in die Welt gebracht, als wenn er sich im steten Kampf für eine Ideologie erschöpft."

Ich finde eine weitere Passage von Herman Meyer auf den Seiten 40 und 41 bemerkenswert:

Der Mitmensch wird also in solchen Fällen so gesehen, wie man ihn sehen möchte und nicht, wie er wirklich ist.
...
Es ist also wichtig, sich gegenüber falschen Fremdbildern abzugrenzen und sich nicht jeden Schuh anzuziehen. Dies ist nur möglich, wenn man sich der subjektiven Sichtweisen der anderen bewußt ist und man übersoviel Eigenwert verfügt, daß man die Projektionen und Etikettierungen anderer ohne Wut und Groll aushalten kann.